Bonusmaterial (Nicht im Buch abgedruckt)

Über Täter und ihre Richter

Die Deutschen spielen gerne Richter. Sie richten vornehmlich gerne gegen Gotteslästerer, psychisch Erkrankte, Straftäter, die ihrer Meinung nach zu milde bestraft wurden und gegenüber jedem, der nicht in ihr Weltbild passt. Erstaunlich dabei ist, dass sie dabei, wie so viele auch, sich in Erster Linie mit den Tätern beschäftigen, als mit den Opfern, die ja schon in der öffentlichen Wahrnehmung weniger Aufmerksamkeit bekommen, als ihre Peiniger. Der weiße Ring und andere Opferschutzorganisationen bemängeln dies, aber eine Änderung ist nicht in Sicht. Viele Deutsche fordern teilweise blind drauf los, ohne wirklich reflektiert darüber nachgedacht zu haben und wundern sich dann, dass sie am Ende nichts mehr mitbekommen, weil sie sich im ersten Moment darüber aufregen und im zweiten Moment es wieder vergessen, bis eben die nächste Missetat in der Öffentlichkeit von den Medien auf einem Präsentierteller garniert mit Übertreibungen und Dramatisierungen zur Schau gestellt wird, wo viele von uns Menschen, dann wieder für einen Tag Richter spielen. Sei selbst die Veränderung für die Welt, die du möchtest, übernehme Verantwortung für dich und dein Handeln, gerät immer mehr in Vergessenheit bzw. in die nicht mehr mögliche Umsetzbarkeit, weil jeder über jeden bevorzugt pauschalisiert, als eben mal über sich selber, oder die Hintergründe nachzudenken. Beim Narzissten wird auch nur auf sein Verhalten geguckt, welches Vordergründig vorliegt, aber auf seinen Backround guckt keiner, wenn er nicht mindestens als Kind missbraucht wurde oder Drogen konsumiert hat und die Medien in aller Ausführlichkeit darüber berichtet haben.

Ich möchte keinen Straftäter, keinen Psychopathen in Schutz nehmen. Ich möchte nur deutlich machen, durch welche Brille so manch einer guckt. Ich bin froh, dass wir in einem Rechtsstaat leben und es gewisse Gesetzte gibt, nach denen geurteilt wird. Ebenso bin ich froh, dass es Richter dafür gibt, die ein für die Gesellschaft faires Urteil fällen. Nicht immer erscheint uns das Verbrechen so offensichtlich, wie es in Wahrheit ist. Und nicht immer ist der Täter schuldig im Sinne der Anklage. Ferdinand von Schirach sprach sogar davon, dass man einem Mandanten nicht glauben muss oder ihn für unschuldig halten muss, um ihn zu verteidigen, denn jeder Mensch hat ein recht auf angemessene Verteidigung und da spielt es keine Rolle ob jemand schuldig ist oder nicht. Vorverurteilungen sind also mit besonderer Vorsicht zu genießen. Das zeigen viele in Deutschland bekannt gewordene Rechtsirrtümer oder Präzedenzfälle, wo am Ende ein Unschuldiger büßen musste oder auch in Schirachs Erzählungen, wie ein Schuldiger frei kam. Deswegen alle Menschen unter Generalverdacht stellen, ist Unsinn. Wer noch nie gesündigt hat, werfe an dieser Stelle den ersten Stein. Und man sollte auch nicht dabei vergessen, dass viele Straftäter selber in ihrer Kindheit ein Opfer waren und niemanden hatten, der sie in Schutz genommen hat. Wie soll ein Kind lernen, was richtig oder falsch ist, wenn ihm in der Kindheit nicht der Unterschied erklärt wurde. Viele Straftäter haben nicht gelernt Verantwortung zu übernehmen (siehe auch Differenzierung und Beschreibung der dissozialen PS) und handeln nun aus ihrer Krankheit heraus, was jetzt nicht heißt, dass sie nichts dafür können oder es dürfen. Nur man sollte nicht zu früh ein abschließendes Gesamturteil über diesen Menschen fällen oder dazu aufrufen diesen Menschen, das gleiche anzutun, oder gar schlimmeres. Vergeltung ist kein Menschenrecht. Vergeltung ist genauso verwerflich, wie die Tat selber, die man vergelten will.

In der Berliner Charite gib es eine Tagesklinik bzw. Ambulanz für Menschen, die an Pädophilie erkrankt sind. Auch in anderen größeren Städten halten die Unikliniken solche Behandlungseinheiten bereit. Heutzutage wird vergessen, dass Pädophilie auch eine Krankheit ist. Natürlich ist das Verhalten eines Pädophilen verantwortungslos sobald er seine Sexualität offen auslebt und muss sanktioniert werden, wenn er keine Verantwortung für seine Neigung übernimmt und sich an Kindern vergreift. Und auch für die Opfer muss gesorgt werden. Ich verstehe auch, dass das Umfeld im ersten Moment schockiert ist über die Abscheulichkeit dieser Tat. Es ändert aber nichts, wenn man dem Täter noch mehr Aufmerksamkeit gibt, als sich selbst. Es bringt nichts, wenn ein Pädophiler, genauso wie ein Narzisst dämonisiert wird. Die Gesellschaft muss geschützt werden vor Menschen, die keine Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen können oder wollen, aber es führt zu nichts, wenn sich die Massen auf diese Menschen stürzen und sie öffentlich denunzieren. Jeder Mensch verdient eine Chance, sich zu ändern. Wer einem Menschen dieses Recht verwehrt, leidet in meinen Augen selber an Empathielosigkeit.

Das sagt Deutschlands bekannteste Kriminalpsychologin Lydia Benecke im Übrigen über Pädophile:

Wenn ich mit pädophilen Tätern arbeite, sagen sie oft in der ersten Stunde: „Ich weiß, dass meine sexuellen Phantasien nicht normal sind. Ich weiß nicht, warum ich sie habe. Aber können sie mir helfen, damit diese Phantasien für immer verschwinden und ich ein normaler Mensch sein kann?“ Ich weiß, dass diese Menschen sich wirklich nicht erklären können, warum sie solche Phantasien haben und dass sie sich wünschen, nicht so zu sein. Ich muss ihnen dann sagen, dass ich ihnen helfen kann, ein zufriedenes Leben führen zu lernen, in dem sie anderen nicht mehr schaden. Doch diese Neigung einfach auslöschen, dass können wir Therapeuten zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Viele Betroffene sind darüber so erschüttert, als würde man ihnen eine Krebsdiagnose stellen.“

Ich bin dankbar, dass mir ein solcher Lebensweg erspart geblieben ist. Das hatte zu einem guten Teil einfach mit Glück zu tun. Daher stelle ich mich nie moralisch über die Täter, mit denen ich arbeite. Denn ich bin dankbar, nie in ihren Schuhen gelaufen zu sein. „

Warum ich jetzt über dieses Thema schreibe und meine Meinung kund tue ist ganz einfach. Ich habe bei Youtube einige Videos eines Menschen gesehen, der sich in seiner Art und Weise zu unterschiedlichen Themen äußert. Er bezeichnet Pädophile als Abschaum. Er würde Ihnen nicht die Hand schütteln. Er gibt sich im Internet als minderjähriges Mädchen aus, welches noch keine allzu großen sexuellen Erfahrungen hat um sich dann mit älteren Männern zu verabreden, um diese dann vor laufender Kamera bloß zustellen. Ich bin nach wie vor froh, dass wir in einem Rechtsstaat leben und dass die Verfolgungsbehörden sehr viel investieren um Straftaten an Kindern aufzuklären und den Händlern von Kinderpornos oder den Konsumenten diesem Materials die gerechte Strafe oder Therapie zukommen zu lassen. Ich würde selber aber niemals auf die Idee kommen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen, mich als Mädchen ausgeben (ich hab das einmal gemacht, vor einigen Jahren, das gebe ich zu, um eben diese perversen/krankhaften Machenschaften am eigenen Leib zu erfahren und sicher auch aus Neugierde), mich mit den Männern zu verabreden um diese dann vor laufender Kamera bloß zu stellen und dieses Video dann auch noch bei Youtube hochzuladen, damit jeder mir sagt, wie geil ich bin und wie scheiße doch die Pädophilen sind und dass diese Menschen es verdient haben, zu sterben. Ja, es wird geurteilt, verurteilt und das obwohl man oftmals selber schon gesündigt hat. Deswegen ist mir das Thema Verantwortung zu übernehmen für sich, sein Handeln und das eigene innere Kind so wichtig. Dies gilt für alle, also auch für die Kranken (Täter/ Pädophile/ Narzissten). Jeder Mensch verdient die Chance zu zeigen, dass er sich ändern kann. Andersherum unterlasse ich es den Moralapostel zu spielen, denn die Frage, wie das passieren konnte, dass schon wieder ein Kind missbraucht wurde, wird nicht gestellt. Auch Eltern tragen Verantwortung. Wenn ich auf die Idee kommen sollte, mich als Kind auszugeben um Pädophile zu entlarven, dann nur mit dem Ziel, dass ich diese Menschen dazu bewege, Verantwortung zu übernehmen und sich Hilfe zu suchen, damit man sich und eben auch die Gesellschaft davor schützt, nachhaltig schaden zu nehmen. Wer jetzt immer noch mit Pfeilen auf mich schießt oder mit dem Finger auf mich zeigt, weil er glaubt, ich würde diese Menschen, die anderen Menschen großes Leid angetan haben, schützen, schönreden oder ihre Tat mit ihrer Krankheit rechtfertigt, dem möchte ich ans Herz legen, diesen Text noch mal von Anfang bis Ende zu lesen oder sich noch ein weiteres Zitat von Lydia Benecke vor Augen zu halten:

Ich erlebe immer wieder, dass Täter mir danken. Dafür danken, dass meine Kollegen und ich sie respektvoll behandeln und mit ihnen arbeiten. Mehrmals sagten Straftäter zu mir: Für die Menschen da draußen sind Leute wie ich einfach Monster, die sie am liebsten umbringen würden. Aber Sie sehen uns als Menschen, behandeln uns auch so und tun das, weil sie glauben, dass wir die Möglichkeit haben, uns zu verändern. Danke dafür.“