Ein Narzisst packt aus – Vorwort

Das Internet quillt über von Hasstiraden gegen Narzissten und Borderliner, seien es nun Mütter, Väter, Ex-Frauen, Ex-Männer, Chefs, Chefinnen, Arbeitskollegen usw. Im Grunde genommen glauben wir in jedem Menschen narzisstische Züge zu sehen, nur bei uns selbst nicht. Sich selbst empfindet man oft nur als „Opfer“, das nichts dafür kann, dass es so schlecht behandelt wurde. Dabei sind wir hier meist unserer eigenen Projektion, die als Manipulation verstanden wird, hilflos ausgeliefert.

Ich bin ein Betroffener. Ich bin geprägt von einer narzisstischen Mutter, die wiederum Opfer ihrer narzisstischen Mutter ist, also meiner Großmutter. Aber der Hass auf sie bringt mich nicht weiter. Im Gegenteil: Ich suche mir Frauen aus, die das Bild meiner Mutter bestätigen – und dafür trage ich allein die Verantwortung, niemand sonst.

Ich bin auch ein Mobbingopfer. Stets habe ich gedacht, es liegt allein an meinem Aussehen, mittlerweile weiß ich aber, dass es auch damit zu tun haben kann, dass ich unbewusst das Verhalten meiner Eltern kopiert habe und damit angeeckt bin.

Heute sehe ich mich nicht mehr als Opfer, denn sonst müsste ich mich auch als Täter bezeichnen. Ich würde unreflektiert meinen eigenen Anteil und alles, was ich möglicherweise anderen oder mir selber angetan habe und weiter antue, wenn es mir den bewusst ist, den anderen in die Schuhe schieben. Es ist so einfach, sich aus der Verantwortung zu stehlen und alles, wirklich alles mit seiner Vergangenheit zu begründen.

Psychische Störungen der Persönlichkeit – des Selbstwerts, der Interaktion, der Beziehungsfähigkeit – geraten immer mehr in den gesellschaftlichen Fokus. Doch statt sich mit sich selbst zu beschäftigen, in sich hineinzuschauen und vielleicht die Verletzungen des inneren Kindes zu erkennen und zu heilen, wird meist im Außen nach einem Schuldigen gesucht. Vergeltung, so scheint es, verspricht Genugtuung. Tatsächlich aber bleibt die Wunde. Das ist ein Hauptproblem dieser Gesellschaft: Man selbst kann nie etwas für die Dinge (außer man ist Kind). Immer sind es die anderen. Keiner sieht sich als Narzisst oder Borderliner, man selbst ist unschuldig. Gestern waren es Hitler oder Kohl, heute ist es Trump, und morgen ist es wieder der Chef, der Ehemann oder die Ehefrau. Tatsächlich sind die anderen der Spiegel, in dem wir uns aber nicht wiedererkennen wollen. Ich bin aber kein Kind mehr. Ich trage jetzt die Verantwortung dafür, wie ich mit dem, was ich als Kind erlebt habe, umgehe und wie ich mich verhalte, wenn mir heute als Erwachsenem wehgetan wird.

Viele Menschen, die nach 1960 geboren wurden, leiden unbewusst unter den Folgen kriegstraumatisierter Eltern, den verheerenden Auswirkungen der NS-Zeit und dem damit verbundenen Mangelschmerz, der als Kind nicht ausreichend gestillt, der nicht kompensiert wurde. Seither erscheinen jedes Jahr Tausende von Ratgebern, und jeder gibt vor, das Rad neu erfunden zu haben und zu einem besseren Leben zu verhelfen. Doch auch die Verfasser dieser Bücher sind nur Menschen. Und jeder Mensch handelt individuell und in eigener Regie. Mahatma Gandhi sagte: Es gibt nur einen richtigen Weg: deinen eigenen. Ich habe diesen Spruch ergänzt: Es gibt nur einen richtigen Weg – und zwar den, für den du dich entscheidest. Niemand außer dir entscheidet, was du heute aus dem machst, was dir gestern widerfuhr, und wie du morgen damit umgehst.

Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um Ihnen Ratschläge zu erteilen, wie sie mit den Krankheiten der anderen umzugehen haben, sondern um Ihnen eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie sie mit sich, ihrem inneren Kind, ihren verletzten Anteilen und ihrer Vergangenheit umgehen können. Die Schematherapie – die Arbeit mit dem inneren Kind – ist ein Ansatz, der mir sehr geholfen hat. Sie können aber auch weiter anderen eine Diagnose andichten, in Schubladen denken und immer wieder den gleichen Mustern folgen. Ich verurteile Sie nicht dafür. Ich frage Sie lediglich, ob Ihnen damit geholfen ist.

In Liebe

Leonard Anders